Reading time: 4 min
Deutschlands Merz sagte 500 Industriebossen, die EU solle offen für eine Überarbeitung oder Verschiebung des Emissionshandelssystems sein. Kohlenstoffzertifikate fielen in zehn Tagen um 23%. Währenddessen brachte ein Chevron-Deal südlich von Kreta einen alten griechisch-türkischen Seerechtsstreit wieder zum Kochen.
Antwerpen: Die Industrie bekommt das Mikrofon
Der Europäische Industriegipfel in Antwerpen am 11. Februar sollte ein Gespräch über Wettbewerbsfähigkeit werden. Er wurde zu einem koordinierten Angriff auf den klimapolitischen Vorzeige-Preismechanismus der EU. Über 500 Wirtschaftsführer und eine Riege von EU-Staatschefs — der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Macron, Belgiens Ministerpräsident De Wever, der niederländische Ministerpräsident Schoof und Österreichs Bundeskanzler Stocker — versammelten sich unter dem Banner der Antwerpener Erklärung, einer Lobby-Initiative, die nun von mehr als 1.300 Unternehmen unterstützt wird und dringende Industriereformen fordert.
Die Schlagzeile kam von Merz. Falls das ETS sein Ziel nicht erreicht, Emissionen zu senken und gleichzeitig saubere Produktion zu ermöglichen, so sagte er dem Publikum, solle die EU offen für eine Überarbeitung sein — oder es zumindest verschieben, wie sie es bereits mit ETS2 für Gebäude und Verkehr getan hat. Der Saal applaudierte. INEOS-Vorsitzender Jim Ratcliffe lieferte die dramatischste Behauptung des Gipfels: 101 europäische Chemiestandorte haben seit Februar 2024 geschlossen, was 75.000 Arbeitsplätze kostete und 70 Milliarden Euro aus der industriellen Basis des Kontinents tilgte. Die europäischen Energiekosten, argumentierte er, bleiben viermal höher als in den Vereinigten Staaten, und der Kontinent reduziert nicht die Emissionen, sondern exportiert sie in Regionen mit zwei- bis dreimal höherer Kohlenstoffintensität.
Kohlenstoffpreise brechen ein
Die Marktreaktion war sofort. EU-Kohlenstoffzertifikate fielen am 12. Februar um 8% — der steilste Tagesrückgang seit Mai 2022 — und sanken auf 72,18 Euro pro Tonne. Bis zum 16. Februar rutschte der Richtwert unter 70 Euro zum ersten Mal seit August ab, mehr als 23% unter dem Höchststand von über 93 Euro Mitte Januar. Der Ausverkauf schwappte auf die deutschen Strommärkte über, wo die März-Großhandelspreise um 2,4% fielen.
Der politische Druck setzte sich am folgenden Tag beim informellen Führungstreffen in Alden Biesen fort. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni forderte eine gründliche ETS-Überprüfung und einen Stopp der Finanzspekulation im System. Tschechiens Ministerpräsident Andrej Babis schlug eine Preisobergrenze von 30 Euro pro Tonne vor — weniger als die Hälfte des aktuellen Niveaus. Kommissionspräsidentin von der Leyen verteidigte das ETS in Antwerpen und verwies auf eine 39%ige Emissionsreduktion seit 2005 neben 71% Wirtschaftswachstum, räumte aber ein, dass die Mitgliedstaaten weniger als 5% der Auktionserlöse in industrielle Dekarbonisierung investieren. Ein formeller ETS-Überprüfungsvorschlag ist für Q3 2026 geplant, obwohl strukturelle Änderungen den vollständigen EU-Gesetzgebungsprozess erfordern würden und unwahrscheinlich vor 2028 in Kraft treten.
Chevron, Kreta und ein bekannter Streit
Während Westeuropa über Kohlenstoffpreise stritt, tauchte eine andere Energiespannung im Mittelmeer wieder auf. Am 16. Februar unterzeichnete Chevron Pachtverträge mit Griechenland für vier Offshore-Explorationsblöcke südlich von Kreta und der Peloponnes, die etwa 47.000 Quadratkilometer abdecken. Chevron hält einen 70%igen Betreiberanteil, mit Griechenlands Helleniq Energy bei 30%. Seismische Untersuchungen werden vor Jahresende erwartet. Der Deal verdoppelt Griechenlands Offshore-Explorationsgebiet und folgt ExxonMobils Expansion im Ionischen Meer Ende 2025, was die amerikanische Energiebeteiligung in der Region vertieft.
Die Türkei’s Verteidigungsministerium bezeichnete den Schritt als einseitige Provokation, die internationales Recht und das türkisch-libysche Seeabgrenzungsmemorandum von 2019 verletzt — ein Abkommen, das Griechenland ablehnt, weil es Kreta ignoriert. Ankara erklärte, die Exploration greife nicht direkt in die türkische Kontinentalplatte ein, sondern verletze Libyens erklärte maritime Hoheitsgewalt. Griechenlands Energieminister Stavros Papastavrou konterte, dass der Europäische Rat ausdrücklich das türkisch-libysche Memorandum als unvereinbar mit dem Seerecht anerkannt hat, und dass Chevrons Beteiligung signalisiert, dass das Unternehmen türkischen Ansprüchen kein Gewicht beimisst.
Zwei Fronten, ein Problem
Die industrielle Revolte gegen Kohlenstoffpreise in Antwerpen und die maritime Pattsituation über mediterrane Kohlenwasserstoffe kreisen beide um dieselbe strukturelle Frage: was passiert, wenn Europas Energieambitionen mit seinen Klimaverpflichtungen kollidieren. Die Unterzeichner der Antwerpener Erklärung wollen jetzt billigere Energie und leichtere Regulierung. Das Chevron-Konsortium setzt auf ostmediterranes Gas, um einen Teil der von russischen Lieferungen hinterlassenen Lücke zu füllen. Umweltgruppen, einschließlich der Bellona Foundation, warnten, dass Klimaschutz auffällig in den Alden Biesen-Schlussfolgerungen fehlte — ein Rückzug von den Verpflichtungen, die Europas langfristige Wettbewerbsstrategie untermauern.
Ob Merz’ und Melonis Vorstoß sich in tatsächliche ETS-Reform übersetzt — oder das bleibt, was ein Kohlenstoffmarktanalyst als politische Inszenierung beschrieb, angesichts dessen, wie langsam sich EU-Politikinstrumente tatsächlich ändern — wird beim Europäischen Rat am 19.–20. März klarer werden. Bis dahin bleiben Kohlenstoffzertifikate schlagzeilensensibel, und Europas Industrielobby hat die Dynamik.