Nordex versiebenfacht den Gewinn – Europas Energiekrise als Turbo für die Windkraft

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Nordex hat im ersten Quartal einen Nettogewinn von 53,6 Mio. € erzielt – gegenüber 7,9 Mio. € im Vorjahr. Die Aktie sprang am 27. April um 12 Prozent auf ein 52-Wochen-Hoch. Während der Iran-Krieg Airlines, Chemieproduzenten und das Verbrauchervertrauen in ganz Europa unter Druck setzt, lieferte der Hamburger Turbinenhersteller das beste Quartal seiner vierzigjährigen Unternehmensgeschichte. Die Energiekrise macht Windkraft nicht nur wirtschaftlich tragfähig, sondern dringend notwendig.

Vor einem Jahr notierte Nordex bei 15,67 €. Am Montag erreichte der Kurs laut Investing.com-Daten auf Gettex 51,47 € – ein 52-Wochen-Hoch. Das entspricht einem Plus von mehr als 200 Prozent in zwölf Monaten, erzielt vor dem Hintergrund von Krieg, Inflation und einer EZB, die erstmals seit 2023 wieder Zinserhöhungen vorbereitet. Zum Vergleich: Der STOXX 600 legte im selben Zeitraum rund 4 Prozent zu. Der S&P 500 klettert dank KI-getriebener Gewinne auf Mehrjahreshochs – doch abgesehen von Intel kann kein Wert an den entwickelten Aktienmärkten mit der Jahresentwicklung von Nordex mithalten. Das ist kein Momentum-Trading. Hier ist ein Unternehmen, dessen Kernprodukt für die Hälfte Europas zur Frage der nationalen Sicherheit geworden ist.

Zahlen, die alles verändern

Die Q1-2026-Ergebnisse, veröffentlicht am 27. April, übertrafen die Erwartungen deutlich. Der Umsatz lag laut Unternehmensangaben bei 1,6 Mrd. € – ein Plus von 10,6 Prozent im Jahresvergleich. Das EBITDA erreichte 130,7 Mio. € gegenüber einem vom Unternehmen ermittelten Analystenkonsens von 112 Mio. €, was einem Beat von 17 Prozent und einem Anstieg von 64,3 Prozent gegenüber den 79,6 Mio. € des Vorjahres entspricht. Die EBITDA-Marge weitete sich von 5,5 auf 8,2 Prozent aus. Das Projekt-EBIT schoss um 58,5 Prozent auf 167,4 Mio. € nach oben, bei einer Marge von 12,2 Prozent. Der Nettogewinn von 53,6 Mio. €, wie Renewables Now am 27. April berichtete, steht 7,9 Mio. € im Q1 2025 gegenüber. Das ist keine schrittweise Verbesserung – das ist ein Quantensprung.

Auch die operativen Kennzahlen sprechen eine klare Sprache. Nordex produzierte im Quartal Turbinen mit 1.494 MW Leistung, ein Plus von 23,5 Prozent. 227 Turbinen wurden in 14 Ländern installiert, wobei laut Quartalsbericht 86 Prozent der Kapazität nach Europa gingen. Der Auftragsbestand schwoll von 13,5 Mrd. € auf 17 Mrd. € an. Die durchschnittlichen Verkaufspreise pro MW stiegen leicht auf 0,91 Mio. € – ein Zeichen gesunder Preissetzungsmacht statt volumengetriebener Rabatte. CEO José Luis Blanco erklärte gegenüber Analysten, die Ergebnisse bestätigten, dass das Unternehmen „auf Kurs ist, die Prognose für 2026 zu erfüllen.”

Die Kriegsdividende

Jetzt kommt die unbequeme Wahrheit: Das beste Quartal der Nordex-Geschichte ist eine direkte Folge der schwersten Energiekrise in Europa seit 2022. Die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran hat Brent-Rohöl über 111 $ getrieben und die europäischen Gasspeicher auf den niedrigsten Stand seit acht Jahren gedrückt. Die industriellen Energiekosten in der EU liegen nach wie vor beim Doppelten des Niveaus von vor 2022. Jeder Versorger, jeder Netzbetreiber, jeder Energieminister in Europa rechnet dieselbe Gleichung durch: Importierte Kohlenwasserstoffe sind unzuverlässig, teuer und strategisch gefährlich. Onshore-Wind ist heimisch, planbar und wird pro installiertem Megawatt Jahr für Jahr günstiger.

Die Daten untermauern diese These. Onshore-Wind machte laut Reuters im vergangenen Jahr rund 90 Prozent der gesamten installierten Windkapazität in Europa aus. Nordex, Vestas und Siemens Energy erhielten nach Angaben von Mordor Intelligence etwa zwei Drittel aller europäischen Turbinenaufträge im Jahr 2025. Allein Deutschland, das jährlich 82 Mrd. Kubikmeter Erdgas verbraucht und seine BIP-Prognose für 2026 gerade auf 0,5 Prozent gesenkt hat, installierte im vergangenen Jahr 5.233 MW neue Onshore-Windleistung. Nordex hielt rund 32 Prozent dieses Marktes. Das Unternehmen profitiert nicht bloß von der Krise – es gehört zu den drei Firmen, die physisch die Alternative bauen.

Was Blanco in der Telefonkonferenz sagte

Das Transkript der Analystenkonferenz, am 27. April von Investing.com veröffentlicht, verdient eine genaue Lektüre. Als Alexander Jones von Bank of America nach den Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die Kosten fragte, antwortete Blanco bemerkenswert offen. Der CEO sagte, die Lage habe „gewisse Auswirkungen”, doch Nordex könne diese durch vertraglich fixierte Preise und gesicherte Logistik auffangen. Drei Viertel der Unternehmensaktivität für 2026 sind bereits durch feste Aufträge abgesichert. Das restliche Viertel hängt von den zum Auftragszeitpunkt wettbewerbsfähigen Preisen ab.

Dann kam die Warnung. Blanco erklärte, seine „größte Sorge gilt der Versorgungssicherheit.” Sollte der Konflikt andauern, könnten Lieferkettenunterbrechungen die Lieferfähigkeit des Unternehmens beeinträchtigen. Preisvolatilität ist das eine – physische Engpässe etwas ganz anderes. Er fügte hinzu, dass die Inflationsfolgen „potenziell” 2027 stärker durchschlagen würden als 2026 – ein seltener Fall, in dem ein CEO mitten in einem Rekordquartal die Probleme des Folgejahres anspricht. Diese Art von Transparenz ist entweder Selbstvertrauen oder eine Absicherung. Vermutlich beides.

Die Lieferkettenrisiken sind real. Nordex bezieht 787 seiner 1.172 Rotorblätter von externen Zulieferern, und das Unternehmen räumte vorübergehende Verzögerungen bei einem Lieferwerk in der Türkei im Q1 ein. Die Blattproduktion blieb insgesamt stabil, doch die Abhängigkeit von externer Fertigung in einer Region unmittelbar neben dem Konfliktherd ist eine Schwachstelle, die der Markt noch nicht vollständig eingepreist hat. Die Reaktion der Notenbanken auf den Ölschock fügt eine weitere Risikoebene hinzu: Erhöht die EZB die Zinsen aggressiv, steigen die Projektfinanzierungskosten für Windparks – was den Auftragseingang Ende 2026 und Anfang 2027 bremsen könnte.

Die Analysten reagieren hektisch

Die Wall Street reagierte schnell auf die Zahlen. Deutsche Bank bestätigte laut TipRanks am 28. April ihre Kaufempfehlung und hob das Kursziel auf 59 € an. Citi erhöhte auf 48 €, Jefferies hatte bereits Anfang April auf 54 € angehoben. Bank of America ging allerdings in die entgegengesetzte Richtung und stufte laut Investing.com von „Buy” auf „Neutral” herab – mit dem Argument, dass ein Großteil des Aufwärtspotenzials bereits eingepreist sei. Der Durchschnittskonsens liegt bei 44,19 €, was bedeutet, dass die Aktie rund 8 Prozent über dem Niveau notiert, das die Analysten für fair halten. Diese Lücke ist kleiner als bei Intel, aber das Muster ist dasselbe: Der Markt ist den Modellen voraus.

Die Bewertung erzählt eine interessante Geschichte. Das nachlaufende KGV liegt laut CNBC bei 34,9 – basierend auf dem Gesamtjahresgewinn 2025 von 274 Mio. €, der selbst einen Anstieg von 3.006 Prozent gegenüber 2024 darstellt (als das Unternehmen kaum profitabel war). Der Umsatz 2025 betrug 7,55 Mrd. €, ein Plus von 3,5 Prozent. Eine Dividende zahlt die Aktie nicht. Die Nettoliquidität beläuft sich auf 1,5 Mrd. € und verschafft Nordex damit einen finanziellen Puffer, den die meisten Wettbewerber nicht haben. Vestas als nächster Vergleichswert wird zu einem ähnlichen Multiple gehandelt, allerdings mit schwächerer Margendynamik. Siemens Energy, das ebenfalls von der Energiewende profitiert, hat eine komplexere Konglomeratsstruktur, die das reine Erneuerbare-Energien-Narrativ verwässert.

Was der Markt nicht einpreist

Es gibt ein Szenario, das die Bullen nicht vollständig durchdacht haben. Sollte die Straße von Hormus wieder öffnen, ein Waffenstillstand halten und der Ölpreis in Richtung 70 $ zurückfallen, löst sich die Dringlichkeit, die derzeit den europäischen Windkraftausbau antreibt, über Nacht in Luft auf. Nicht das strukturelle Argument für Erneuerbare – das bleibt unabhängig vom Konflikt bestehen –, aber die politische Dringlichkeit, die Notbeschaffungen, die beschleunigten Genehmigungsverfahren, die aktuell die Auftragsbücher befeuern. Nordex’ 17 Mrd. € Auftragsbestand bieten mehrjährige Umsatztransparenz, doch am Rand könnten neue Bestellungen deutlich nachlassen, wenn sich die Energiekrise entspannt.

Auch der freie Cashflow verdient einen kritischen Blick. Im Q1 lag der Free Cashflow bei minus 98,1 Mio. €, bedingt durch die Normalisierung des Working Capital nach dem Jahresende 2025. Die Bilanz kann das verkraften, aber negativer FCF in einem Rekordquartal ist ein Datenpunkt, den Value-Investoren nicht übersehen werden. Der Halbleiter-Superzyklus hat Anleger gelehrt, dass strukturelle Nachfragegeschichten auch Quartale mit negativem Cashflow über Jahre tragen können. Ob der Markt Windturbinen dieselbe Geduld entgegenbringt, muss sich erst noch zeigen.

Nordex startete 2026 als 15-€-Aktie, die außerhalb des europäischen Energiesektors kaum jemand auf dem Radar hatte. Ende April steht der Kurs bei 47 €, mit einem 52-Wochen-Hoch, einem Auftragsbestand von 17 Mrd. € und den besten Margen der Firmengeschichte. Der Iran-Konflikt, der die Energiemärkte lähmt, ist der stärkste Katalysator für den europäischen Windkraftausbau seit einem Jahrzehnt. Die entscheidende Frage für die zweite Jahreshälfte lautet: Ist Nordex ein Kriegs-Trade oder ein struktureller Gewinner? Blancos Analystenkonferenz legt nahe, dass das Management auf Letzteres setzt, sich aber gegen Ersteres absichert. Bei einem KGV von 35 bezahlt der Markt für die strukturelle Story. Öffnet sich die Meerenge wieder, schrumpft diese Prämie schnell. Bleibt sie geschlossen, wirken die 59 € von Deutsche Bank plötzlich konservativ.

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Mark Cullen
Mark Cullen
Senior Stocks Analyst — Mark Cullen is a Senior Stocks Analyst at Finonity covering global equity markets, corporate earnings, and IPO activity. A London-based professional with over 20 years of experience in communications and operations across financial, government, and institutional environments, Mark has worked with organisations including the City of London Corporation, LCH, and the UK's Department for Business, Energy and Industrial Strategy. His extensive background in strategic communications, market research, and stakeholder management — including coordinating financial services partnerships during COP26's Green Horizon Summit — informs his ability to distill complex market dynamics into clear, accessible analysis for investors.

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